...was ich noch sagen wollte...

Wo Selbstbestimmung und Wahlfreiheit aufhören

In den letzten Monaten hörten wir sehr oft davon – von Wahlfreiheit, Selbstbestimmung und Verantwortung des Einzelnen. Junge Mütter sollen die Wahl zwischen Familie und Beruf haben, Eltern zwischen Ganztagsschule und Betreuung zu Hause. Wir alle sollen uns unserer eigenen Verantwortung bewußt sein und nicht immer und überall auf eine Regelung des Staates warten. Wir können selbst entscheiden, ob wir Vegetarierer oder Fleisch(fr)esser sein wollen, ob wir homo- oder heterosexuelle Partnerschaften eingehen wollen usw. usf. Fein. Wer könnte ernsthaft etwas gegen Wahlfreiheit und Selbstbestimmung haben? Eigentlich niemand! Wirklich niemand?

Nun, ausgerechnet in der elementarsten Frage unseres Lebens überhaupt gesteht uns Vater Staat keine Selbstbestimmung und keine Wahlfreiheit zu: In der Frage über Leben und Tod. Egal, wie schlimm das Dahinsiechen bei furchtbaren Krankheitsbildern auch sein mag, wir können nicht eines Morgens sagen: Stop! Ich will und kann nicht mehr. Solange wir physisch und psychisch dazu in der Lage sind, bleibt als einzige Alternative der Suizid, der im Falle des Mißerfolges alles noch schlimmer machen kann.

Ich rede jetzt natürlich nicht von Spontanentscheidungen, die manche schon – meist aufgrund einer psychischen Erkrankung – in den Sebstmord getrieben haben, sondern von Krankheiten, die schmerzvoll und unheilbar sind. Von Krankheiten, die uns jede Form der Selbstbestimmung und Menschenwürde nehmen. Von Sterbens- statt Lebensverlängerung!

Seit 2006 gibt es zwar die Möglichkeit einer „verbindichen Patientenverfügung“, die ist allerdings viel zu kurz gegriffen, regelt nur ganz seltene und spezifische Umstände und weist erhebliche Lücken auf. Sie muß vor einem Rechtsanwalt oder Notar und nur nach umfangreicher, ärztlicher Beratung errichtet werden – und das alle fünf Jahre (sonst verliert sie ihre Gültigkeit).

Wenn der Patient innerhalb dieser fünf Jahre seine Geschäftsfähigkeit – etwa durch eine Demenzerkrankung – verliert, ist Schluß mit Patientenverfügung. Dieser Jemand ist seiner Selbstbestimmung und Wahlfreiheit unwiderruflich auf ewige Lebenszeit beraubt.

Ich mußte bei meiner Mutter beobachten, wie sich eine ebenso schreckliche wie heimtückische Krankheit in ihr ausgebreitet hat, wie sie ihr langsam, Schritt für Schritt, zuerst jede Lebensqualität nahm, sie dann jeder Selbstbestimmung beraubte und ihr schließlich jede Menschenwürde nahm. Diese Krankheit heißt Alzheimer. Eine Krankheit, die alles Leben nimmt.

Mit einer Patientenverfügung kann man aber genau für diese Situationen nicht vorsorgen. Die Politik, der Gesetzgeber, könnte erlauben, für diese und viele andere Fälle Vorsorge zu treffen, solange man noch in der Lage dazu ist und – natürlich ganz wichtig – solange man noch bei klarem Verstand solche weitreichenden Entscheidungen treffen kann.

Leider ist das Thema „aktive Sterbehilfe“ in Österreich – wohl aufgrund der schrecklichen Erfahrungen während der Nazi-Diktatur – ein so sensibles, dass wir noch lange auf einen unvoreingenommenen Umgang werden warten müssen. Unsere Entscheidungsträger sollten sich dabei allerdings bewußt sein, dass sie damit mehr Leid schaffen und aufrecht erhalten, als notwendig wäre!

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