...was ich noch sagen wollte...

Vom Schilling zum Euro zum Teuro

Die Behauptung, mit der Einführung des Euro wäre alles teurer – viel teurer – geworden, ist eine alte. Schon lange hat sich ein anfänglicher Wortwitz in den allgemeinen Sprachgebrauch eingeschlichen: Der (T)Euro. Immer wieder tauchen Preisvergleiche auf, die untermauern und uns vor Augen führen sollen, wie richtig diese Behauptung ist. Natürlich gibt es Preissteigerungen – nicht erst seit der Euro-Einführung!

Die Teuerung war mit einer Inflationsrate zwischen vier und acht Prozent in den 70er und 80er Jahren sogar sehr hoch. Seit der Euro-Einführung 2002 ist die Teuerung mit fast druchgehend unter 3 Prozent sogar als eher gering zu bezeichnen. Die Inflationsentwicklung von 1950 bis heute gibt es übrigens hier!

Erst heute bin ich wieder über eine Grafik gestolpert, in der Euro- und Schillingpreise gegenübergstellt werden und die uns vermitteln möchte, dass der Euro auf jeden Fall ein Teuro ist:

ats_euro

Gleich auf den ersten Blick fällt mir auf: Wo gibt es eine 2-Euro-Extrawurstsemmel? Ich kenne Preise zwischen einem und 1,30 Euro – mit Garnierung 1,50. Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich für eine Wurstsemmel 2001 (also im Jahr vor der Euro-Einführung) im Druchschntt 13 Schilling gezahlt (umgerechnet also etwa 90 Cent). Zweifelsfrei weniger als die heutigen 1,30 Euro – allerdings liegen immerhin schon 12 Jahre dazwischen und Inflation ist keine Erfindung der Euro-Zone.

Es ist sehr schwierig, einen objektiven Preisvergleich anzustellen. Wo bekommt man heute noch Preislisten von vor 10 Jahren her? Eigentlich bräuchte man dann auch noch welche von vor 20 Jahren, um beurteilen zu können, ob die Preisentwicklung in Euro-Zeiten tatsächlich eine höhere ist, als zu Schilling-Zeiten und bestenfalls sollten diese Preislisten von den gleichen Geschäften sein, denn schließlich gibt es mitunter ganz gravierende Unterschiede innerhalb einer Branche. Die Speisekarte eines Gasthauses im 15. Bezirk von 1998 mit der Speisekarte eines Innenstadtlokals von 2013 zu vergleichen, sagt wahrscheinlich nicht sehr viel über die Preisentwicklung der letzten 15 Jahre aus… Ein seriöser Vergleich ist also kaum möglich, am treffsichersten ist (trotz aller Unschärfen des Warenkorbs) einfach die Inflationsstatistik.

Natürlich wird sich immer ein bestimmtes Produkt finden lassen, das tatsächlich in den letzten 10 Jahren eine enorme Preissteigerung zu verzeichnen hat. Ohne viel nachzudenken, fällt mir der Liter Benzin oder Diesel ein. Selbst die enthusiastischsten Kritker von EU und Euro werden aber kaum auf die Idee kommen, diese Verteuerung hätte ihre Ursachen im Euro.

Umgekehrt werden sich Produkte finden lassen, die sich enorm verbilligt haben. Spontan fällt mir der Preis von Speichermedien (Festplatten) ein. Wie überhaupt die Preise im (Unterhaltungs)Elektronik-Bereich in den Keller gerasselt sind. Natürlich hat auch dieser Preisverfall nichts mit der Euro-Einführung zu tun.

Die Arbeiterkammer NÖ hat die Lebensmittelpreise 2001 – 2011 erhoben bzw. verglichen und kommt zu überraschenden Ergebnissen: 500g Toastbrot kosteten 2001 43 Cent. Geht man von einer durchschnittlichen jährlichen Inflation von 2 Prozent aus, müsste dieses Toastbrot 2011 52 Cent kosten. Tatsächlich kostete es 49 Cent, ist also billiger geworden! Noch deutlicher 125 g Mozzarella: 2001 um 69 Cent zu erwerben, müsste er 2011 84 Cent kosten, tatsächlich war er 2011 mit 55 Cent um 34 Prozent billiger, als die Inflation es erwarten ließe.

Semmeln hingegen liegen tatsächlich mit 14 Prozent über dem errechneten Inflations-Preis, dafür sind Milchprodukte billiger. Die Untersuchung hat auch ergeben, dass Markenprodukte im Durchschnitt teurer geworden sind, während Diskonter billig bleiben. Wen die Produkt-Gegenüberstellung interessiert:
http://noe.arbeiterkammer.at/bilder/d163/Preisentwicklung_Lebensmittel_2011.pdf

Trotzdem bleibt bei vielen der Eindruck, der Euro wäre ein Teuro. Vergleiche im 10-Jahres-Sprung scheinen das zu bestätigen – genau das tun sie aber nicht, weil eben eine 10jährige Inflation dazwischen liegt. Und dennoch: Der Einzelne hat weniger in der Geldtasche, das ist unabhängig sämtlicher Preisentwicklungs-Statistiken ein Fakt. Wie kommt’s?

Der Grund ist ein einfacher: Die Steigerung unserer Einkommen fällt weniger stark aus, als die Teuerung. Wir verdienen also weniger! Auch das ist kein Problem unserer Währung, eher ein Problem der Rahmenbedingungen, die die Politik schafft. Manche Politiker könnten also durchaus Interesse daran haben, den Euro als Teuro darzustellen, denn immerhin könnte damit von ihren eigenen Versäumnissen abgelenkt werden…

 

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Kommentare

  1. maresa  Juni 1, 2013

    … wobei anzumerken ist, dass meines erachtens die „vergessene“ lohnanpassung sicherlich nicht das einzige versäumnis unserer politikerInnen ist. und manchmal wundere ich mich, wie duldsam, nicht mit- und weiterdenkend, grosse teile unserer gesellschaft sind. da fällt es natürlich leicht, so simple milchmädchenrechnungen den „gläubigen“ eurogegnern zu präsentieren, um vom eigenen unvermögen, effizient und voraussschauend zu handeln – warat ja irgendwie der job eines politikers – , abzulenken.
    ich vermute, heute in der ausstellung im museum der stadt wien entdeckt zu haben was unserer gesellschaft fehlt. es gab im vorigen jahrhundert den beruf des „lampenanzünders“, vielleicht sollte man diesen wieder reaktivieren, damit endlichen vielen menschen und besonders unseren politikerInnen – ein LICHT aufgeht.

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  2. Tom Tailor  Juni 20, 2015

    Ich sehe ebenso Versäumnisse in deiner Aufzählung so was komisches aber auch
    kann es sein das tägliches Einkaufen nicht zum Tagesablauf zählt ;O)

    Wir verdienen zu wenig der Scherz ist lustig .

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