...was ich noch sagen wollte...

Über die Kunst einen Wahlkampf zu vergeigen

Wer – aus welchen Gründen auch immer – lernen möchte, wie man einen Wahlkampf gründlich vergeigt, der kann am Beispiel der ÖVP sehr viel lernen: Da wäre einmal der Spitzenkandidat selbst, der bei seinem ersten Fernsehduell (das eigentlich ein Fernsehkuscheln war) mit Werner Faymann auf Puls 4 eher den Eindruck erweckte, er möchte sich bei Dancing Stars bewerben, denn Platz 1 bei der Nationalratswahl erreichen. Die folgenden Auftritte auf ORF waren dann schon anders, aber immer noch furchtbar daneben.

Irgendein Berater dürfte Michael Spindelegger geflüstert haben: ‚Du mußt angriffig sein, laß dich nur ja nicht in der Diskussion in eine  Verteidigungsposition drängen – greif an, lass dem Gegenüber erst gar keine Möglichkeit die Diskussion auf die für die ÖVP unangenehmen Themen zu bringen!‘ Ein vernünftiger Ratschlag. Allerdings dürfte ihn Michael Spindelegger irgendwie nicht verstanden haben oder er schafft es einfach nicht, ohne maßloser Übertreibung mit dieser Rolle umzugehen.

Etappenweise hatte ich bein TV-Konfrontationen das Gefühl, einen 30 Jahre jüngeren Frank Stronach zu sehen. Auch Spindelegger verwendet mit Vorliebe immer die gleichen Stehsätze, die er bei sämtlichen Fragen einzubinden versucht  – selbst dann, wenn sie mit der Fragestellung selbst überhaupt nichts zu tun haben. Was für Stronach die Funktionäre und Berufspolitiker sind, ist für Michael Spindelegger die entfesselte Wirtschaft. Zu allem Überdruß schreit er noch seine Gesprächspartner regelrecht nieder und kopiert Werner Faymann, wenn es um die gekünstelte Aufregung der Hypo Alpe-Adria und Buchers BZÖ geht. Insgesamt ein sehr  unprofessionelles Verhalten, das man von Strache und Stronach nicht nur schon gewohnt ist, sondern geradezu erwartet. Einem Vizekanzler, der Bundeskanzler werden will, steht das schlecht.

Und dann gibt es noch die ÖVP selbst, die Themen in den Wahlkampf einfließen läßt, die entweder aus dem Reich nächtlicher Träume stammen oder einen besonderen Bezug zur Realitätsferne erkennen lassen. Wie etwa die frühzeitige Anhebung des Frauenpensionsalters – die derzeitige Regelung wurde (mit den Stimmen der ÖVP!) in den Verfassungsrang gehoben. Will die ÖVP diese Regelung aufheben, braucht sie eine 2/3-Mehrheit. Ich kann nicht glauben, dass irgendwer innerhalb er ÖVP tatsächlich der Meinung sein kann, eine 25-Prozent-Partei könnte quasi über Nacht zur 67-Prozent-Partei werden. Falls es so jemanden doch gibt, sollte er dieses Problem dringend mit einem Arzt seines Vertrauens besprechen, aber nicht so eine Forderung in den Wahlkampfring werfen!

Der 12-Stunden-Arbeitstag (auch, wenn er möglicherweise wirklich ganz anders gemeint war) ist dann auch noch so ein irrwitziger Vorschlag – zumal selbst die ÖVP betont, dass das ein Thema der Sozialpartner ist. Also, was hat dieses Thema dann im Nationalratswahlkampf verloren? Oder versuchen sich Teile der ÖVP gerade als Wahlhelfer der SPÖ?

Mit dieser Art des Wahlkampfes kann man wohl nur echte Hardcore-Stammwähler beeindrucken, die weniger verbissenen Stammwähler wird man damit nicht wirklich zum Gang in die Wahlzelle bewegen können; gerade darauf wird es bei der bevorstehenden Wahl aber ankommen – wer seine Stammwähler zum Wählen motivieren kann, der wird Platz 1 erreichen. Unentschlossene und Wechselwähler dürften mit dieser Häufung an Wahlkampf-Hoppalas eher nicht zu beeindrucken sein.

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