...was ich noch sagen wollte...

Psychologie, die erschrecken kann

Wahrscheinlich hat jeder von uns schon einmal etwas über das „Milgram-“ oder „Gehorsams-Experiment“ gelesen bzw. gehört. Ein Experiment, bei dem die Versuchspersonen einer ihnen unbekannten Person in einem anderen Raum Elektroschocks verpassen sollen. Und zwar immer dann, wenn diese Person im anderen Raum eine Frage falsch beantwortet – also elektrische Schläge zur „Bestrafung“. Das Experiment zeigte, dass über 60 Prozent selbst dann nicht mit dem Verteilen von Elektroschocks aufhörten, wenn das vermeintliche Opfer unter Schmerzensschreien um Gnade winselte. Als Begründung gaben die Versuchsteilnehmer in einer anschließenden Befragung an, dass sie einfach die Anweisungen befolgt haben, die man ihnen gegeben hat.

Gut 10 Jahre davor gelang es Solomon Asch, zu zeigen, wie der Gruppenzwang eine einzelne Person zu beeinflussen vermag. Einer Gruppe von Personen (in der bis auf eine Person alle instruiert waren) wurde eine Karte mit einer Linie gezeigt – die Referenzlinie. Auf einer zweiten Karte wurden drei Linien unterschiedlicher Länge präsentiert und die Gruppe sollte, einer nach dem anderen, herausfinden, welche der drei Linien in ihrer Länge der Referenzlinie entsprach. Nur eine Linie war (sehr deutlich zu erkennen) genau so lang wie die Linie auf der ersten Karte. Während der ersten Durchgänge sollten die instruierten Personen die richtige Antwort geben. Die eigentliche Testperson war immer die letzte, die die Antwort geben sollte. Ab dem 7. Durchgang begannen die angewiesenen Personen bewußt die falsche Antwort zu geben. Das Ergebnis dieser Experimente: Nur etwa ein Viertel der Versuchspersonen blieb unbeeinflußt und gab weiterhin die richtige Antwort. Weitere Experimente zeigten, dass mit wachsender Gruppengröße die Beeinflussbarkeit weiter zunimmt.

Es gibt eine ganze Reihe von Experimenten zum „Halo-Effekt“. Damit wird bezeichnet, wie wir einer Person bestimmte Eigenschaften zuordnen, ohne sie näher zu kennen.  Schon im Ersten Weltkrieg wurde untersucht, wie Vorgesetzte ihre Untergebenen beurteilen. Dabei zeigte sich, dass die Offiziere automatisch annahmen, ein Soldat mit guter Körperhaltung und attraktivem Aussehen wäre ein hervorragender Schütze, besonders ordentlich und überdurchschnittlich begabt. Umgekehrt zeigten andere Versuche, dass wir auch mit bestimmten Merkmalen negative Eigenschaften verbinden, die jedoch nicht objektivierbar sind.

Ein ebenfalls sehr interssanter Versuch: Das „Serienmörder-Experiment“. Michel Gauquelin verschickte Ende der 60er Jahre an über Inserate angeworbene Testpersonen  deren angeblich „persönliches Horoskop“, das ein Astrologe aus ihren individuellen Geburtsdaten erstellt haben will. Tatsächlich bekam jede Versuchsperson das gleiche Horoskop – nämlich jenes eines Serienmörders. Gauquelin fragte die Testpersonen, ob sie sich anhand ihres „persönlichen, astrologischen Persönlichkeitsprofils“ wiedererkennen und ob sich darin ihre persönlichen Probleme wiederspiegeln würden. 94 Prozent erkannten sich darin wieder und stolze 90 Prozent fanden die astrologische Analyse insgesamt sehr passend.

In den 50er Jahren begannen Forschungen zum „Furchtappell“. Darunter versteht man Botschaften, die eine Bedrohung für Leben, Gesundheit, Wohlstand und andere persönlich relevante Werte darstellen. Ziel der Erforschung war es, herauszufinden, inwieweit solche Botschaften eine Veränderung der persönlichen Einstellungen und des Verhaltens bewirken können. Das Ergebnis: Geringe Furchtanteile in einer Botschaft bewirken wenig, das Interesse an ihnen ist gering, kaum jemand schenkt ihnen besondere Aufmerksamkeit.  Ein besonders hoher Furchtanteil bewirkt ebenfalls relativ wenig, wir wehren extrem bedrohliche Reize ab. Ganz anders bei leichten aber kontinuierlich ansteigenden Furcht-Botschaften – hier steigt die Beeinflußbarkeit besonders an. Wird uns also in Aussicht gestellt, unsere Lebensbedingungen könnten sich bald zum Negativen ändern, sind wir mit Zunahme solcher Botschaften höchst aufmerksam und beeinflußbar.

Diese und viele andere Versuche der „experimentellen Psychologie“ lieferten und liefern wertvolle Erkenntnisse darüber, wie wir Menschen funktionieren, wie wir beeinflussbar werden, wie man uns gezielt steuern kann. Und was fangen wir damit an? Nun, den Ergebnissen begegnen wir tagtäglich in der Werbung, die unser Konsum- und Kaufverhalten zu beeinflussen versucht, was ihr oft auch sehr gut gelingt. Wir können dank dieser Experimente aber auch so manche Frage beantworten…

Die „Gehorsams-Experimente“ von Stanley Milgram zeigen doch sehr schön, dass die meisten Menschen Befehle im blinden Gehorsam befolgen und nicht hinterfragen. Bis heute versuchen manche die Verbrechen des Nazi-Regimes und ihrer Schergen mit „…doch nur Befehle ausgeführt…“ zu erklären. Viele von uns ordnen Menschen eines bestimmten Aussehens bestimmte Eigenschaften zu. Orientalische Erscheinung, ungepflegtes Auftreten und abgetragene Kleidung – wie viele denken da zuerst an kriminelle Absichten?

Wenn uns manche Politiker suggerieren, dank Einwanderung müssen wir uns bald Sorgen um unsere Identität machen, könnten Wohlstand und Glück bald der Vergangenheit angehören, ist das nicht eine Form des „Furchtappells“?

Sollten wir nicht ein wenig mehr hinterfragen? Sollten wir nicht unsere persönlichen Erfahrungen zur Beurteilung heranziehen, anstatt uns vom Gruppenzwang leiten zu lassen? Werden wir womöglich durch Berichte des Boulevards und in den sozialen Medien ganz gezielt gesteuert? Oder trägt die Erwartungshaltung der Gruppe zur entsprechenden Berichterstattung bei?

Wir unternehmen am 4. Dezember einen weiteren Versuch, unser Staatsoberhaupt zu wählen. Wie treffen wir unsere Wahlentscheidung? Spricht unsere Furcht vor dem, was passieren könnte, zu uns? Und falls ja: Ist diese Furcht gerechtfertigt? Ist es eine Furcht, die wir durch konkrete Erlebnisse selbst erlebt haben, oder sagt uns eine Gruppe anderer, dass wir uns fürchten sollten?

Vielleicht sollten wir uns hin und wieder daran erinnern, wie leicht wir zu beeinflussen sind, dass dieses Beeinflussen oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist, aber erkennbar wird, wenn wir nicht unreflektiert aufsaugen, sondern uns unserer persönlichen Erfahrungen erinnern.

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