...was ich noch sagen wollte...

Ich bin so grässlich hässlich, ich bin der Hass

Es muss 1984 oder 1985 gewesen sein, unsere Klassenfahrt in die KZ-Gedenkstätte Mauthausen. Ein Besuch, an den ich mich nach all den Jahren im Detail nicht mehr erinnern kann, wohl aber an die beherrschende Frage dieses Besuches, auf die ich selbst heute keine schlüssige Antwort gefunden habe. Es ist nicht die Frage des „Warum“, es ist die Frage des „Wie“!

Keine anonyme, dunkle Macht quälte, prügelte, erschlug und erschoss täglich Menschen auf der berüchtigten „Todesstiege“, drehte den Hahn zu den Gaskammern auf und warf Tote wie Ziegelsteine von und auf Karren. Es waren junge Männer, die das taten. Keine „Monster“ aus fernen Ländern. Keine Psychopathen, die Lust am Morden verspürten. Es waren Freunde, Verwandte, Schulkollegen unserer Großeltern. Vielleicht sogar unsere eigenen Großväter. Wie konnte das sein? Wie konnten Menschen dazu in der Lage sein, so etwas zu tun? Ich kann mir nicht vorstellen, ein Kätzchen zu ertränken, wie kann man erst so grausam sein und Menschen, ohne mit der Wimper zu zucken, bestialisch zu quälen und zu ermorden? WIE?

Thomas Müller, einer der bekanntesten Kriminalpsychologen Europas, sagte einmal sinngemäß, ihm wäre jeder suspekt, der noch nie daran gedacht habe, einen anderen umzubringen. Er meinte, unter widrigsten Umständen ist prinzipiell jeder dazu in der Lage. Was viele von vornherein für sich ausschließen wollen, stellt sich möglicherweise etwas anders dar, wenn wir uns vorstellen, ein Kind wird schwer misshandelt und wir wären mit dem Peiniger 10 Minuten allein – wozu würden wir uns wohl hinreissen lassen? Besonders, wenn dieses Kind unser eigenes ist. Thomas Müller schränkt ein: „Der Weg vom blitzenden Gedanken des Hasses, zur Idee der Umsetzung, zum ersten Plan der Organisation bis zur echten Durchführung der Tat ist ein sehr langer. Ich spreche daher auch nicht von Schuld, sondern von der Möglichkeit, den widrigsten Umständen und der Phantasie, bevor sie zur Realität wird.“

Nun, was aber, wenn Hass nicht nur ein „blitzender Gedanke“ ist, sondern sich über Jahre (!) kontinuierlich aufbaut? Wenn für alle Probleme und Sorgen über lange Zeit eine bestimmte Personengruppe verantwortlich gemacht wird? War es letztlich das jahrzehntelange Schüren von Hass auf „die Juden“, das Menschen zu solchen Grausamkeiten erst langsam fähig gemacht hat?

Und was war mit all jenen, die zwar nicht selbst gemordert haben, aber entweder billigend zugesehen oder zumindest stillschweigend weggesehen haben? Nicht nur im Umkreis von Konzentrationslagern. Schon viel früher, als Menschentrauben Juden, die auf den Knien Straßen schrubbten, lachend und verspottend umkreisten.

Interessanterweise gab es selbst Opfer des Nationalsozialismus, die Jahrzehnte später Vorteile des Systems zu erkennen glaubten. Ich erinnere mich aus Kindheitstagen an eine ältere, behinderte Frau, die in so manchem Gespräch mit meiner Mutter immer wieder lautstark und mit zwei Fingern darstellend verkündete: ‚Soooo, an klan Hitler bräucht’ma wieda, der tät aufräumen!‘ Später erfuhr ich, dass sie selbst der Zwangssterilisation des NS-Regimes zum Opfer gefallen ist. Ob es sich dabei wohl um das bekannte „Stockholmsyndrom“ gehandelt hat? Oder hat sich der (anerzogene) Hass in manchen Menschen eben lebenslang eingenistet?

War das alles ein Phänomen längst vergangener Jahrzehnte, kann das heute, in unserer mordernen, aufgeklärten Gesellschaft nicht mehr passieren?

Wir erleben gerade, wie für aktuelle Probleme oder unbefriedigende persönliche Lebenssituationen eine Personengruppe verantwortlich gemacht wird. Wir erleben leider auch fallweise, wie unglaublicher Hass entsteht – wenn jemand beispielsweise das erfrischende Nass aus einem Feuerwehrschlauch für spielende Kinder gerne gegen einen Flammenwerfer tauschen möchte, weil es Kinder von Flüchtlingen sind. Wir alle haben in den letzten Monaten irgendwo ganz ähnliche, zum Teil noch schlimmere Hassbotschaften gelesen oder gehört.

Dabei handelt es sich wahrscheinlich um die von Müller beschriebenen „blitzenden Gedanken“, um eine plötzliche Phantasie im Kopf. Doch was, wenn dieser Hass bleibt, wenn er weiter wächst, wenn er weiter geschürt wird? Könnte sich lang entwickelter Hass noch einmal so weit aufstauen, dass er in abscheulichen Gewaltverbrechen endet?

Hasspostings, die zu Gewalt auffordern, sie herbeiwünschen oder gutheißen, müssen in uns allen doch sofort einen Aufschrei verursachen. Leider passiert auch das nicht immer – von manchen werden sie als „Spinnerei“ abgetan, die man nicht ernstnehmen dürfe. Einige Kommentare unter solchen Hasspostings zeugen sogar davon, dass manche durchaus Verständnis für sie aufbringen. Wohin könnte sich derlei Verständnis entwickeln? Zu stillschweigendem Wegsehen? Oder gar zu billigendem Zusehen?

Nein, wir sollten nicht den berühmten Teufel an die Wand malen. Aber wir sollten uns sensibilisieren, wir sollten nicht anfagen, wegzusehen. Wir sollten nicht zulassen, dass andere Hass in uns säen. Wir sollten keine künstlichen Feindbilder entstehen lassen! Oder wie Joesi Prokopetz Anfang der 80er Jahre Codo nach dem Refrain des Hasses schon sagen ließ:

„Denn die Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, die macht viel Spass,
viel mehr Spass als irgendwas.“

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