...was ich noch sagen wollte...

Du sollst den Tag des Herrn heiligen

Es ist eine ungewöhnliche, fast schon heilige Allianz, wenn sich Gewerkschaft und Kirche mit aller Kraft gegen die Sonntagsöffnung stemmen. Sogar die Argumente, die sie gegen geöffnete Geschäfte am Sonntag ins Treffen führen, könnten kaum ähnlicher sein. In der Frage der Sonntagsarbeit wird selbst ein dunkelroter Gewerkschafter noch katholisch. Ruhe- und Familientag ist er, der Sonntag. Sogar als für die gesamte Gesellschaft wichtiger freier Tag wird er gerne bezeichnet. Für die „ganze Gesellschaft“? Nicht ganz.

Krankenschwestern, Ärzte, Pflegepersonal – sie alle arbeiten an Sonn- und Feiertagen. Weil natürlich ein Krankenhaus oder Pflegeheim nicht am Sonntag schließen kann, wird die Gewerkschaft einwenden und das nicht als Argument für die Sonntagsöffnung gelten lassen. Stimmt!

Da gibt es dann freilich noch die Gastronomie, für die der sonntägliche Ruhetag eher die Ausnahme, keinesfalls aber die Regel ist. Hier erfüllt die Gastronomie wohl die Pflicht des Sonntags als Familientag zu gelten – man(n) führt die Familie zum Essen aus! Na dann… Und die gleiche „Pflicht“ erfüllen dann sicher auch Veranstalter, Unterhaltungsbetriebe, Museumsbetreiber oder die vielen kirchlichen Klöster und Stifte, die selbstverstänlich auch sonntags für (Familien)Ausflügler ihre Pforten öffnen. Wenn die Kirche als Dienstgeber fungiert, tritt offenbar das Dritte Gebot in den Hintergrund.

Wie aber ist es nun mit Tankstellenshops, Taxifahrern oder Gärtnereien? Die sind nun doch wirklich kein absolutes Muß für den heiligen Tag des Herrn! Nein, kein Muß, aber halt doch ganz praktisch. Selbst Souvenierläden für die Heerscharen an Touristen dürfen öffnen – man will sich immerhin nicht blamieren. Dass Touristen auch gerne einkaufen würden, weil sie es etwa von vielen anderen Ländern gewohnt sind, wird hingegen ignoriert.

Tja, wir können/dürfen/müssen mittlerweile sehr viel an Sonntagen machen. Einkaufen zählt nicht dazu. Angeblich wäre die Sonntagsarbeit für viele Handelsangestellte kein Problem. Unternehmen, die bereits mit der Sonntagsöffnung geliebäugelt haben, behaupten meist, das Verkaufspersonal würde sich sogar über die zusätzliche Verdienstmöglichkeit freuen. Sicher nicht alle, ich glaube allerdings schon, dass sich das für den Sonntagsbetrieb notwendige Verkaufspersonal auf freiwilliger Basis finden ließe. Ich selbst hätte auch nichts dagegen, hin und wieder an Sonntagen zu arbeiten, wenn ich dafür einen Werktag frei hätte – ein Tag, an dem ich Dinge erledigen könnte, die sonntags tatsächlich nicht zu erledigen sind und für die ich jetzt einen Urlaubstag opfern muß.

Ich glaube auch, dass die Sonntagsöffnung früher und später kommen wird. Lebensumstände, Menschen und Gesellschaft haben sich geändert und werden sich weiterhin ändern. Meine Generation kennt noch den Wirbel, den es um die Einkaufssamstage gab. Die Argumente gegen die Samstag-Nachmittag-Öffnung waren den Argumenten gegen die Sonntagsöffnung sehr ähnlich. Und – oh Wunder – die Samstagsöffnung funktioniert ganz hervorragend, kaum jemand von uns möchte sie noch missen und all jene, die bei Einführung derselben Stein und Bein geschworen haben, aus gelebter Solidarität ganz sicher nie am Samstag Nachmittag einkaufen zu gehen, haben ihren seinerzeitigen Schwur längst begraben.

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Kommentare

  1. maresa  Juni 16, 2013

    … Veränderungen werden doch in unserer WERTEN Gesellschaft generell abgelehnt. Bei fehlenden Argumenten muss halt dann der HEILIGE TAG DES HERRN herhalten, wobei wenn man die Besuchszahlen der Sonntagsmesse mal veröffentlichen würde, täten viele merken, dass sich auch dort kaum wer aufhält.
    In jeder Weltstadt kannst fast rund um die Uhr einkaufen, und gerne würde ich mal die erstaunten Gesichter der Wientouristen fotografieren, wenn sie vor unseren verschlossenen Läden stehen.

    Ich war da in meinem Wohngrätzel nahe dem Karlsplatz, eine der ersten die die geöffneten Bäckerladen regelmässig besucht hat, warum soll ich mir mühsam meine Sonntagskipferl und – semmeln aufbacken, wenn ich sie knusprig frisch auch haben kann. Alles was nicht der Norm entspricht, wird doch mal hinter vorgehaltener Hand (oder auf offen) in Frage gestellt und das Konstrukt Familie in der „Versorgerform“, hat sich doch schon lange überlebt und wenn ich meine Vorstellung zur Partnerschaft heute kund tue, ich könnt glatt als unheilige Maresa Zusatzkarriere machen 🙂

    … und hieß nicht der Spruch eigentlich so: … du sollst immer fleißig tun, nur am siebenten Tage ruhen! …
    Soll doch jeder entscheiden, welcher Wochentag seine/ihre EINS ist und einen Pausentag mal zwischendurch einzulegen, dagegen ist ja nix einzuwenden. Oftmals frage ich mich, ob ich es noch erleben werde, diese meine Vorstellung vom Leben, (ohne von vielen schief angeschaut zu werden) – ich will sagen können: Heute werde ich meinen FREI-TAG geniessen und das machen, wozu ich Lust habe. (inkl. einkaufen gehen) – und es müssen nicht Millionen Menschen mit mir denselben Heiligen Tag haben – das wäre doch was! Oder? 😉

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    • Hannes
      Hannes  Juni 16, 2013

      Der freie Tag müßte natürlich in Absprache mit Kollegen und Arbeitgeber fixiert werden, die Idee eines freien Tages, der individuell festgelegt werden kann, gefällt mir aber ganz gut!

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      • maresa  Juni 16, 2013

        … ich denke da auch an den wirtschaftlichen Aspekt nicht nur in einem Unternehmen, wo das sicher in Absprache festgelegt werden müsste, der FREI-TAG – aber ich vermute, dass man viel effizenter arbeiten könnte und auch mit motivierteren Arbeitnehmern, – es würde im Unternehmen keinen Produktionsstop geben und die Kaufkraft Menschen könnte 7 Tage die Woche genützt werden, um die Wirtschaft anzukurbeln …

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