...was ich noch sagen wollte...

Die zwei Welten des Herrn G.

Herr G. ist Betriebsrat und Gewerkschafter. Er ist kein einflußreicher Funktionär, er ist eines jener Rädchen, die das System am Laufen halten. Und Herr G. ist engagiert. Er setzt sich für „seine“ Dienstnehmer in einem mittleren Unternehmen ein, scheut dabei auch keinen Konflikt mit dem Dienstgeber und versteht sich als Verteidiger der gewerkschaftlich „wohlerworbenen Rechte“.

Er gerät regelrecht ins Schwärmen, wenn er die Errungenschaften der Gewerkschaft bei der Mitgliederwerbung aufzählen darf – Gehaltserhöhungen, Urlaubs- und Weihnachtsgeld, Mindelstgehalt und Arbeitszeitmodelle schmücken seine Aufzählung und sollen deutlich machen, wie wichtig es ist, dass die Sozialpartner durch Kollektivverträge gesetzliche Bestimmungen erheblich aufbessern.

In prinzipiellen Diskussionen kann schon der Klassenkämpfer in ihm auflodern, etwa wenn wieder einmal irgendwo publik wird, dass Dienstgeber ihre Dienstnehmer überwachen, WC- oder Rauchpausen von der Arbeitszeit abziehen wollen oder Überstunden weder in Zeit noch in Geld abgelten wollen.

Das ist die Welt von Herrn G. Zwischen 07.00 und 15.30 Uhr.

Danach taucht Herr G. in eine andere Welt ein. Eine Welt in seinem Zuhause.

Erst unlängst beschwerte sich Herr G. im Freundeskreis darüber, dass die slowakischen Putzfrauen auch immer unverschämter werden, weil seine doch tatsächlich bei seiner Frau „Urlaubsgeld“ einfordern wollte. Im übrigen störe es ihn schon lange, dass sie dauernd telefoniere, anstatt zu putzen – er wird jetzt andere Saiten aufziehen und ihr die vertelefonierte Zeit vom Stundenlohn abziehen.

Der junge Rumäne, mit dem er in den Sommermonaten für die Gartenpflege einen monatlichen Pauschalpreis vereinbart hat, muß im Krankheitsfall auf Entlohnung verzichten, weil Herr G. dann doch der Auffassung ist, dass sich „pauschal“ nur auf die erbrachte Arbeitsleistung beziehen kann, keinesfalls aber auf krankheitsbedingte Ausfälle.

Tja, das sind die beiden Welten von Herrn G. Recht unterschiedliche Welten.

Herr G. ist Fiktion, ich habe ihn erfunden. Irgendwie aber doch auch nicht, denn der erfundene Herr G. ist eine Zusammenfassung mehrerer Personen, die mir diese und andere Begebenheiten im persönlichen Gespräch geschildert haben. Für jeden ist es eine Selbstverständlichkeit, im Krankheitsfall weiter bezahlt zu werden, Urlaubszeiten zu konsumieren und ein 13. und 14. Gehalt zu beziehen. Und doch: Wenn wir mal kurz die Rollen tauschen und als Auftraggeber agieren, taucht doch hin und wieder ein „Herr G.“ in uns auf, der Geld sparen will und der von „wohlerworbenen Rechten“ nichts wissen will – wohl deshalb, weil sie dann plötzlich nicht als „Rechte“ sondern als „Pflichten“ wahrgenommen werden.

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