...was ich noch sagen wollte...

Die ÖVP und ihre Bilder

Bilder. Damit scheint die ÖVP ein immer wiederkehrendes Problem zu haben. Ein Problem mit Bildern, die an der Wand hängen. Ein Problem mit Bildern, die im Internet zu sehen sind. Und schließlich ein Problem mit den Bildern im Kopf. Klingt komisch, ist aber so.

Da gibt es einmal das seit Jahrzehnten heiß umstrittene „Dollfuß-Bild“ im ÖVP-Parlamentsklub. Eigentlich sollte man meinen, nach 80 Jahren wäre eine aus historischen Fakten gebildete, abschließende Beurteilung der Person Engelbert Dollfuß möglich. Nicht bei ÖVP und SPÖ. Lagerdenken und ideologische Scheuklappen lassen keinen Konsens zu – für die einen ist er immer noch „Märtyrer“, der dem Kampf gegen den Nationalsozialismus zum Opfer gefallen ist, für die anderen „Arbeitermörder“. Offenbar kommt in der politischen Diskussion niemand auf die Idee, dass eine Beurteilung nicht im „Entweder-Oder-Verfahren“ stattfinden muß, sondern dass es auch eine „Und-Variante“ geben könnte. Jedenfalls hält die ÖVP nach wie vor am „Dollfuß-Bild“ im Parlamentsklub fest und der Parteiobmann, Michael Spindelegger, findet ein neues Argument: „Mit dem Abhängen eines Bildes ändert man die Geschichte nicht!“

Ja, tatsächlich, das Ab- oder Aufhängen eines Bildes verändert die Geschichte nicht. Ausgerechnet an jenem Tag, an dem Michael Spindelegger diesen „weisen“ Satz von sich gab, erhielt ich elektronische Post von einer Mitarbeiterin eines EU-Mandatars aus der ÖVP:

In den letzten sieben Jahren habe ich eine ganze Reihe von EU-Parlamentariern jeweils einen Tag lang begleitet und eine kleine Fotoreportage daraus gemacht. Manche von ihnen sind längst nicht mehr aktiv in der Politik tätig (manche freiwillig, manche unfreiwillig), andere haben eine andere politische Funktion und manche kandidieren bei der bevorstehenden EU-Wahl erneut.

Vor einigen Jahren war Ernst Strasser noch Delegationsleiter der ÖVP im Europäischen Parlament und „seine“ Abgeordneten ließen sich daher auch gerne mit ihm fotografieren und arrangierten sogar gemeinsame (Foto)Termine mit Besuchergruppen. Nach dem Bekanntwerden der „Lobbying-Affäre“, mehr noch nach der ernstinstanzlichen Verurteilung, mag man sich so ganz und gar nicht mehr daran erinnern.

Zurück zur e-mail, die ich an diesem Tag erhielt: Ich wurde gebeten, die Fotos auf meiner Fotoreport-Homepage zu entfernen, auf denen aktive Mandatare mit Ernst Strasser zu sehen sind. Begründung gab es dazu zwar keine, man braucht aber keine besonders große Phantasie, um einen Zusammenhang mit dem beginnenden EU-Wahlkampf herzustellen. Da macht es sich eben nicht gut, wenn solche Bilder herumgeistern. Hier gilt also nicht, was Parteichef Michael Spindelegger am selben Tag gesagt hat – nämlich, dass das Abhängen eine Bildes die Geschichte nicht verändert.

Mit dem Entfernen von Bildern, die aktive Mandatare mit Ernst Strasser zeigen, will man also doch zumindest den Versuch unternehmen, die gemeinsame Geschichte zwischen ÖVP und Ernst Strasser aus der Erinnerung der Wähler zu streichen. Ob das gelingt, darf bezweifelt werden. Jedenfalls zeigt es uns, dass die ÖVP auch ein Problem mit Bildern im Internet hat.

Und schließlich gibt es noch das Problem der ÖVP mit den Bildern im Kopf. Da hat die ÖVP nämlich ganz konkrete Bilder, die politisch gefälligst so umzusetzen sind, ganz egal, wie weit sie von der Lebensrealität der modernen Gesellschaft entfernt liegen. Eines dieser Bilder im Kopf ist die Heile-Welt-Vorstellung, wie Familie auszusehen hat. Da gibt’s den Papa, die Mama und am besten gleich mehrere, wohlerzogene Kinder.

Nein, wollen wir nicht ungerecht sein. Die ÖVP hat sich (wohl unter Qualen, aber immerhin) dazu durchgerungen, eine eheänliche Partnerschaft für homosexuelle Paare zu ermöglichen. Bei der Diskussion über ein Adoptionsrecht für homosexuelle Paare, zeigt sich das Idealbild von Familie in den Köpfen der ÖVP allerdings wieder und manchen ihrer Funktionäre geht schon allein die Diskussion darüber viel zu weit.

Es gibt innerhalb der ÖVP natürlich auch andere. Andrä Rupprechter zum Beispiel, der sich ein Adoptionsrecht durchaus vorstellen kann und damit beweist, dass das Stehen zu traditionellen Werten und ein weltoffener Zugang zur Lebensrealität der Menschen kein Widerspruch sein muß.

Freilich, es werden sich auch VP-Funktionäre finden lassen, die das Dollfuß-Bild schon am liebsten vorgestern aus dem Parlament entfernt hätten, die kein Problem mit Fotos haben, auf denen Ernst Strasser zu sehen ist und die gerne eine ÖVP hätten, die in der Gegenwart angekommen ist. Noch aber sind die Mehrheiten innerhalb der ÖVP andere. Daher gibt es diese Probleme mit den Bildern an der Wand, den Bildern im Internet und den Bildern im Kopf noch eine Weile…

 

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