...was ich noch sagen wollte...

Die Hure Konsument

Zugegeben, ein provokanter Titel, aber verkaufen wir uns als Konsumenten nicht tatsächlich mehrmals täglich an Unternehmen und Datensammler? Die meisten von uns verfallen völlig instinktiv in eine Abwehrhaltung, wenn irgendwo in unserer Nähe wieder eine Überwachungskamera installiert wird, wenn der lachse Umgang mit personenbezogenen Daten bekannt wird oder wenn Ermittlungsorgane zusätzliche Befugnisse begehren. Aber wir sind bereit, ganz persönliche Dinge und Lebensumstände für ein vermeintliches Sonderangebot und/oder wenige Prozent Skonto zu verkaufen.

„Haben Sie eine Kundenkarte“, werden wir mittlerweile an praktisch jeder Kassa gefragt. Wer tatsächlich noch immer keine hat, füllt wenige Minuten später das Antragsforumular aus. Nur ein verschwindend geringer Prozentsatz aller Konsumenten verweigert jede Kunden-, Rabatt- oder sonst irgendwie lustig benannte Daten-Sammelkarte.

Gerade große Ketten, die unter verschiedenen Namen in unterschiedlichen Branchen tätig sind, können anhand dieser Kundenkarten nicht nur unser Kauf- und Konsumverhalten abbilden und auswerten, eine Reihe zusätzlicher Informationen läßt sich daraus gewinnen, wenn man bereit ist, die gesammelten Daten entsprechend zu analysieren. Neben Bewegungsprofilen, lassen sich aus dem Kaufverhalten ganz persönliche Lebensumstände ableiten: Haushaltsgröße, Familienstand und -größe, mit regelmäßiger Nutzung der Kundenkarten sind selbst Rückschlüsse auf Haushaltseinkommen und Lebensstil möglich.

Würde uns auf der Straße jemand anreden und uns vorschlagen, für die Bekanntgabe unseres Monatseinkommens würde er uns 75 Cent zahlen oder uns mit einem Treuepunkt belohnen, viel mehr als ein mitleidiges Lächeln würde er wohl nicht ernten. Ganz anders unser Verhalten im Supermarkt – dort zücken wir eifrigst die Geldbörse und wühlen uns druch 17 Kundenkarten, um endlich die richtige stolz an der Kassa präsentieren zu können. Hurra, wieder 10 Treuepunkte gesammelt, noch 50, dann bekommen wir beim Kauf irgendeines ohnehin nicht benötigten Dekorations-Gegenstandes aus Fernost satte 20 Prozent Rabatt. Hurra, auch die Handelskette jubelt – endlich wieder ein Konsument, der sich ganz offen durch die Fenster seiner Wohnung blicken läßt.

Ja, wir verkaufen unsere Privatsphäre offenbar nicht nur regelmäßig und freiwillig, sondern freuen uns auch noch darüber, weil wir der irrigen Annahme sind, ein richtiges Schnäppchen ergattert zu haben. Geiz ist geil! Könnte sein, dass wir damit der Handelskette druchaus orgastische Freuden bereiten.

Aber wehe, wehe, auf Autobahnen würden Kameras zur Überwachung der Rettungsgasse installiert werden. Nun ja, vielleicht sollte mit der Autobahn-Vignette auch eine Kundenkarte ausgegeben werden, die pro 50.000 gefahrener Kilometer 2 Prozent des Vignettenpreises für den Kauf der nächsten gutschreibt. Dann wären die heimischen Autobahnbenutzer vielleicht plötzlich ausgewiesene Überwachungskamera-Fans…

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Kommentare

  1. Magdalena  Juni 30, 2013

    Du schreibst mir aus der Seele! Weiter so, Hannes.

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  2. maresa  Juni 30, 2013

    … der Inhalt des Romanes „1984 – Big Brother is watching you“ von Orwell, den vielen für kranke Fantasien eines Schriftstellers abgetan haben ist doch mittlerweile bei weitem übertroffen worden, und wir spielen alle freiwillig mit. In deinem Blog sollte auch das neue „Kundenservice“ damit alles noch viel einfacher wird für uns erwähnt werden. Das Mobile Pocket – der App für unsere Smartphones, das uns das Kartenleben erleichtert. Toll, da werden alle Vorteils- Kunden- Clubkarten direkt am Mobilphon gespeichert und WIR??? können sie so besser verwalten. … oder sollten wir uns doch eher fragen, wo werden wir nun auf diese Weise zusätzlich mitverwaltet???

    Dein Blog regt zum weiterdenken an Hannes …

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    • Hannes
      Hannes  Juni 30, 2013

      Apps sind ein Thema für sich – da mußt Dir mal die Berechtigungsliste mancher Apps durchlesen. Die Anwendung selbst ist oft eine 0/815-Geschichte, die nützlich erscheinen mag, diese Anwendung hat aber interessanterweise die Berechtigung z.B. den Telefonspeicher, das Adressbuch oder die SMS zu lesen…

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