...was ich noch sagen wollte...

Burggasse 2 – ein Stück (persönlicher) Geschichte

Das Verständnis, das mir entgegenschlägt, wenn ich mich in Erzählungen über „die“ Burggasse meiner Sentimentalität hingebe, hält sich in sehr engen Grenzen. Ich ertappe mich selbst oft, wie ein verliebter Schuljunge zu klingen, wenn ich – ganz in Manier der alten Frauen, die im Park beim Taubenfüttern von den guten, alten Zeiten reden – über meine Jahre in der Burggasse 2 schwärme. Merkwürdig? Verrückt? Natürlich!

Was ist passiert, dass gerade einmal 15 Jahre beruflicher (!) Tätigkeit diese Verbundenheit mit einem alten Haus auslösen? – Ein Erklärungsversuch:

Am 7. Dezember 1987, 17jährig, betrat ich erstmals das Haus in der Burggasse 2. Dienstantritt. Wenige Wochen zuvor ein Aufnahmegespräch in der „Zentrale“ der NÖGKK in St. Pölten. Man brauche dringend Leute für die Ärzteverrechnung, sagte man mir und fügte fast bedauernd hinzu: „…leider in Wien!“. Lieber in Wien als in St. Pölten, dachte ich mir damals – nicht aus persönlicher Zu- oder Abneigung den beiden Städten gegenüber, eher aus der praktischen Überlegung heraus, dass Wien verkehrstechnisch für mich viel besser zu erreichen war.

Mein erster Tag an besagtem 7. Dezember 1987 also im Dienst der NÖGKK. Nach einem kurzen Gespräch mit dem Abteilungsleiter wurde ich von einer Dame abgeholt und in eines der vielen Bürozimmer gesetzt. Fast alle in Vierer-Besetzung. Ich gehörte jetzt zu den „Praktischen Ärzten“. Aha. Einen „Gesamtvertrag“ legte man mir auf den Tisch, den ich mir gründlich durchlesen sollte – damit werde ich nämlich künftig arbeiten müssen. Gesamtvertrag? Hää? Komische Sachen waren da zu lesen – „intramuskuläre, subcutane Injektion“, „intraarticuläre Injektion in große Gelenke“… Was, zum Teufel, wollen die von mir? Der Kollege vis-á-vis brummte, ich soll mir das mal durchlesen, dann schult er mich eh ein, aber jetzt wäre keine Zeit dafür. Alles klar! 10 Minuten später kam nämlich die Aufforderung, mit Teller und Glas bewaffnet ins „Zimmer 100“ zu kommen… „Do host dawäu a Glasl, owa muagn bringst söwa ans mit!“

Die „Zinmmerchefin aus 100“ hat nämlich Geburtstag, erfuhr ich. Und es ist so Sitte, mit dem Geburtstagskind in der Mittagspause anzustoßen. Das Zimmer 100 war dicht gedrängt mit Mitarbeitern, die Schreibtische voll mit Gläsern, Brötchen, Aufstrichen und sogar Schnitzel und Salate wurden kredenzt. Als „Zimmerchefin“, was auch immer das bedeuten mag, hat man offenbar eine besondere Verpflichtung. Nett! „Und morgn vergißt Dei Glasl ned, do hot nämlich da Kollege von 107 Gebuatstog!“, erfuhr ich vom brummenden Kollegen aus meinem Zimmer. Also doch! Auf der Krankenkasse geht’s genau so zu, wie man sich das immer vorgestellt hat – da bleib ich!

Eine Woche und drei Geburtstagsfeiern später (der Dezember scheint ein geburtenstarker Monat zu sein), begann dann der Ernst des „Verrechnungsstellen-Mitarbeiters“ für mich – Krankenscheine durchzählen, Vorderseite kontrollieren, ob irgendwo etwas fehlt (Versicherungsnummer, Kassenangabe, Diagnose, Stempel und Unterschrift des Arztes) – Rückseite kontrollieren: die Leistungen der Ärzte sind in einem Tages-Raster in Form einer Zahl eingetragen. Lernen, welche Zahl welche Leistung bedeutet. Lernen, bei welcher Zahl, also welcher Leistung, eine passende Diagnose vorhanden sein muß. Lernen, das unleserliche Gekritzel der Ärzte überhaupt zu entziffern, Lernen, deren Fachausdrücke den jeweiligen Leistungen zuzuordnen, Lernen, welche Leistung nicht mit einer anderen verrechnet werden darf, Lernen, welche Leistungen nur eine bestimmte Anzahl oft verrechnet werden darf – und dann auch noch den gesamten Krankenschein per Computer erfassen. Ziemlich öde. Und wenn ich bleiben will, sollten es nach der Einschulungsphase 4.500 Krankenscheine pro Woche sein, die ich möglichst fehlerfrei abarbeiten soll. Es geht hier schließlich um viel Geld, das pünktlich angewiesen werden will! Bitte??? Den ganzen Tag sonst nichts machen, als Krankenscheine kontrollieren und erfassen?? Wo sind die Geburtstagsfeiern geblieben?

Damals war ich mir sicher: Länger als ein halbes Jahr bleib ich hier nicht!

Mit Weihnachten kamen die Weihnachtsfeiern. Ja, davon gab es gleich mehrere. Kleine in den einzelnen Arbeitsgruppen, eine größere für die ganze Abteilung. Und dann noch welche nach Dienstschluß – nur kurz etwas Trinken gehen, bis der Zug fährt. Ich hatte das Glück, mit vielen Gleichaltrigen oder nur wenig älteren zu arbeiten, da verstand man es nicht als freiwilligen Zwang, nach Dienstschluß mit den Dienstälteren irgendwo hingehen zu ‚müssen‘, das wurde bald zur freundschaftlichen Übung, zur Ablenkung nach einem an Fließbandarbeit erinnernden Tagesablauf.

In den Monaten und Jahren darauf gab es ein kaum zu überblickendes Kommen und Gehen. Neue, junge, Kollegen und Kolleginnen kamen, ebenso viele gingen. Kein Wunder, die Arbeit war stupide, die Vorgabe der 4.500 Scheine pro Woche für Neuankömmlinge kaum zu erfüllen und die regelmäßigen Belehrungen und Drohungen bei Nichterreichen dieser Scheinanzahl deprimierend. Aber irgendwie habe ich das über das angepeilte halbe Jahr hinaus ganz gut bewerkstelligt – im Laufe der Zeit stellt sich eine unglaubliche Fingerfertigkeit im Erfassen so vieler Krankenscheine ein, die häufigsten Diagnosen kennt man dann im Schlaf und die gängisten Diagnosen erkennt man selbst in schlampigster Handschrift. Selbst die Vorgabe der 4.500 Scheine erwies sich als Vorteil – wenn man die ersten Tage der Woche schnell, konzentriert und mit wenig Pausen arbeitet, bleibt für den Rest der Woche mehr Zeit für Rauchpausen.

Rauchpausen, die fanden damals noch auf den Gängen statt. Eigentlich gab es nur drei erlaubte Pausen – jeweils 10 minütige – eine um 8.30, eine um 10.30 und eine um 14.00 Uhr. Dazwischen gab es die unerlaubten, wenn sich schon abschätzen ließ, das Wochenpensum an Scheinen zu erreichen – verstohlen trafen wir uns in kleinen Grüppchen irgendwo versteckt zum Rauchen – in den Vorräumen zu den WC’s oder im Archiv, tief unten im Keller. Je häufiger die unerlaubten Pausen wurde, desto häufiger wurde man von Vorgesetzen ertappt, was im Wiederholungsfall nicht gerade angenehm war. Besonders unser damaliger Abteilungsleiter verstand es glänzend, lautstark seinen Argumenten Gewicht zu verleihen – gemeinhin „Zusammenschiß“ genannt.

Trotzdem, viele Freundschaften entstanden während dieser Zeit – innerhalb des Büros, aber auch außerhalb. Mehr und mehr entstand mit jenen, die nicht gleich das Handtuch warfen und längere Zeit blieben, ein fast familiäres Verhältnis. Wir Gleichaltrigen verstanden uns gut, manche der Älteren bemutterten uns, auch für private Probleme fand sich gegenseitig immer ein Gesprächspartner, die Umgebung der Burggasse, der Spittelberg oder die nahe gelegene Innenstadt luden für viele Abende zum Bleiben – kurz: Scheußliche Arbeit, nette Kollegen, gutes Klima, perfekte Umgebung. Und natürlich – wie kann es rund um die 20 anders sein, ergaben sich auch amouröse Abenteuer.

In anderen Dienststellen der NÖGKK bezeichnete man uns in der Ärzteverrechnung gerne als „Strafkompanie“ – den ganzen lieben, langen Tag Krankenscheine zu erfassen und das Woche für Woche, Monat für Monat, war wohl für niemanden das Ziel einer erstrebenswerten und erfüllenden Tätigkeit. Vielleicht gerade deswegen waren wir ein eingeschweißter Haufen, der zusammenhielt und nicht nur das rein berufliche Umfeld sah, sondern in der Abteilung, die zu Spitzenzeiten aus an die 100 Mitarbeiter bestand, eine große Familie.

Jahre, die mich prägten. Jahre, in denen ich langsam erwachsen wurde. Gegen Ende der 90er Jahre veränderte sich einiges – der Arbeitsaufwand vergrößerte sich, der Personalstand verringerte sich. Viele der Kollegen, die uns verließen, wurden nicht mehr nachbesetzt. Das Arbeitsklima begann langsam darunter zu leiden. Das familiäre Verhältnis der frühen 90er Jahre begann zu bröckeln, private Unternehmungen verloren sich und ich beschloss, nach meinen „Flegeljahren“ zu überdenken, ob mein ganzes Arbeitsleben lang das Erfassen von Krankenscheinen auf dem Plan stehen könne. Schon konkret gefaßte Pläne der Kündigung durchkreuzte der neue Abteilungsleiter mit seiner Vorstellung und dem Drängen, ich solle doch die „B-Prüfung“, eine Fachprüfung des Sozialversicherungsrechts, machen, die eine Voraussetzung für höhere Einreihung und Führungspositionen ist. Irgendwie gelang es ihm, mich zu überreden und in mir die Ernsthaftigkeit des Lebens und der Sozialversicherung zu wecken.

Gerüchte einer Übersiedlung nach St. Pölten verdichteten sich nach und nach. Immer mehr aus „unserer“ Zeit verbliebene Mitarbeiter ließen sich in Dienststellen nahe ihres Wohnortes versetzen. Was übrig blieb, waren viele freundschaftliche Kontakte zu mittlerweile Ex-Kolleginnen und -Kollegen, ein kleines aber dichtes Netzwerk aus Kontakten von und mit Wienern, die sich im Laufe der Jahre ganz abseits des Bürolebens ergeben haben. Wien blieb also meine zweite Heimat, vor allem die Gegend rund um die Burggasse. Das änderte sich auch nicht, als wir 2003 dann tatsächlich ganz nach St. Pölten übersiedelten.

Jetzt verstand ich, was man unter „Kulturschock“ verstehen mußte. Während mir Wien allein schon in der Mittagspause sämtliche Möglichkeiten bot, vom Abend- und Nachtleben erst gar nicht zu reden, stand ich von einem Tag auf den anderen im Niemandsland St. Pölten.

Und so trauere ich bis heute ein klein wenig „meiner“, nein „unserer“, Burggasse nach, den vielen schönen Erinnerungen, einer familiären Umgebung, in der Berufliches mit Privatem verschmolz – und wohl auch meiner Jugend…

Fast 10 Jahre stand „unsere“ Burggasse nach dem Verkauf leer, verfiel still und heimlich zu einer Ruine, ehe sie dank der Sans-Souci-Gruppe zu neuem Leben erwachte und jetzt eine neue „alte“ Bestimmung erfährt. Die Burggasse 2 wird wieder zu dem, was sie nach ihrer Erbauung schon einmal war: Ein Hotel.

Für mich bleiben die 15 Jahre in diesem Haus mitsamt den Erfahrungen, die ich in diesen Jahren machte, ein wichtiger Lebensabschnitt, mit dem es sich so verhält, wie mit einem Jugend-Freund, den man aus den Augen verliert: Ich erinnere mich gerne zurück, verbinde schöne Erinnerungen mit diesen Jahren und möchte die Erinnerungen daran nicht missen.

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Kommentare

  1. annemarie kimmel  Dezember 14, 2012

    lieber hannes!

    wir hatten zwar nie so viel kontakt in der arbeit, ich war ja bei den fachärzten und dennoch spricht mir dein artikel total aus dem herzen. ich habe so gelacht und mich in so vielem wiedergefunden (geburtstagsfeier am ersten tag, 4500 fälle in der woche und unsere unzähligen feste :-)). auch ich erinnere mich noch gerne an die zeit in der burggasse, ich fühle mich nach wie vor mit dem haus verbunden und es ist wunderschön zu sehen was aus unserer burggasse geworden ist. es war etwas ganz besonders dort zu arbeiten und bin stolz ein teil davon gewesen zu sein.
    und dir möchte ich herzlich für diese home-page danken :-)))))
    alles liebe
    annemarie

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    • Hannes  Dezember 15, 2012

      Danke!
      Ja, es war eine besondere Zeit in unserer Burggasse und Dein „…bin stolz ein Teil davon gewesen zu sein.“ ist nur voll und ganz zu unterschreiben! Und es freut mich insgeheim auch sehr, dass mittlerweile die St. Pöltner selbst sagen, dass es in der Burggasse schöner und kollegialer war. 🙂

      LG, Hannes

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  2. Harald Fila  Dezember 20, 2012

    Lieber Hannes!
    Als einer der sich mit deiner Abhandlung sehr gut identifizieren kann möchte ich mich auch noch mal gleich bei dir bedanken, dass du diese Erinnerungen mit deinem Engagement rund um die Burggasse aufrecht erhälst.
    LG Hari

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  3. Etosha  Januar 12, 2013

    Ich hab diese Gschichten zwar schon einige Male gehört, aber es war trotzdem schön, über die Jahre zu lesen, die du da so liebevoll zusammengefasst hast. Ich versteh die Empfindungen gut – anderer Betrieb, ähnliche Erinnerungen. Wenn man im Jugendalter in ein völlig neues Umfeld geworfen wird, das einem nach und nach ans Herz wächst, vergisst man das nie. Schön!

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  4. Adele Ruschitzka  Februar 28, 2014

    Hallo Hannes …

    … dein Blogeintrag „ein Stück (persönlicher) Geschichte“ … was soll man dazu sagen ? Ein LITERAT als „Krankenscheinerfasser“!!
    … Auch mir wird die Burggasse in ewiger Erinnerung bleiben: Mein erster Arbeitstag, meine erste Kontaktaufnahme mit weißen Arbeitsmänteln im Büro … , (erwiesen sich aber aufgrund der fehlenden Klimaanlage nachträglich als sehr praktikabel)

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